Der Antrieb für Kunst oder was haben Toni Morrison, Cees Noteboom und Martin Parr gemeinsam – vom Literaturfestival in Hay-on-Wye

Toni Morrison in Hay-on-Wye 2014

Toni Morrison in Hay-on-Wye 2014

Morrison und Noteboom sind gefeierte und betagte Literaten, Parr ein nicht ganz so betagter, ebenfalls gefeierter Fotograf. Weil sie bekannt sind, sind sie auch umstritten. Parr vielleicht am meisten, denn seine hyperrealistischen Alltagsfotografien werden oft als zynisch kritisiert. Morrison, die schwarze und weibliche Literaturnobelpreisträgerin von 1993, ist qua dieser Auszeichnung ein Wunder. Liest man Notebooms Lebenslauf, so kann sich jeder beruhigt fühlen, der meint, sein eigener könnte glatter sein, denn er war Tramper, Matrose, Journalist, Lyriker und dann auch Romanschriftsteller.

Drei Menschen, die Wege gegangen sind, die man sich gar nicht rau, stürmisch und verworren genug vorstellen kann. Was trieb und treibt sie an, was lässt sie weitergehen?

Bei jedem Künstler würde ich zunächst vermuten, dass es die Freude am künstlerischen Tun ist, die durch nichts ersetzt werden kann. In Interviews mit Toni Morrison findet man Aussagen wie die, dass sie nie so frei sei, als wenn sie schreibe, ein einmaliger Zustand. Aber würde dies ausreichen, um herausragende Kunst zu schaffen und als Personen im öffentlichen Leben Rollen einzunehmen, wie die drei es tun?

In Hay-on-Wye, beim Literatur-Festival an der Grenze von Wales und England, konnte man bei verschiedenen Gelegenheiten Morrison, Noteboom und Parr auf der Bühne erleben. Wenn sie von sich, ihrem Leben, ihren Werken und ihren Wünsche sprachen, stand nicht wie sonst, wenn man ihre Werke liest oder die Fotografien betrachtet, die Kunst zwischen uns und ihnen. Sie öffneten sich den Zuhörern und legten Antriebe für ihre Kunst dar. Sie erzählten Begegnungen aus ihrer Jugend, die sie prägten, und sie sprachen vom Willen, ihre Sicht auszudrücken – gegen eine Sicht auf die Welt, die sie nicht teilten. All das war subjektiv und sicher bei jedem der dreien nur ein kleiner Ausschnitt aus der unendlichen Reihe von Eindrücken und Prägungen, die in ihre Werke einfließen. Das spannende war auch nicht, dass man hier von Dingen hörte, die einem das Werk erklärten, nach dem Motto: Noteboom erlebte dies am Ende des zweiten Weltkriegs, darum schrieb er das …

Sondern: In jedem der dreien brennt eine Flamme. Sie sind getrieben von dem Wunsch und Willen, diese Flamme zu teilen. Und sie haben ihre jeweiligen Auftritte in Hay-on-Wye genutzt, um uns, das Publikum, daran teilhaben zu lassen.

Morrison erzählt von den Wunden, die die Grausamkeit der Sklaverei gerissen hat, und wie man dennoch verzeiht und das Gute sucht.

Noteboom erlebt den Ausklang des zweiten Weltkriegs, weiß um die unvorstellbaren Morde unter Hitler und wird dennoch oder deswegen zum Europäer, der die Geschichte wachhält, um die Zukunft zu ändern.

Parr zeigt die Menschen in den Momenten, in denen sie nicht gezeigt werden wollen. Er beharrt darauf, dass diese Momente den Menschen menschlich machen und dass Terror durch das Glatte, Geschönte kommt, und nicht durch die Wahrheit.

Kunst kommt nicht nur von Können. Kunst kommt auch davon, die Flamme, die in einem brennt, zu erkennen, ihr eine Form zu geben und sie zu teilen. Große Kunst nährt sich von dieser Flamme und dem fast schon verrückten Drang, aus jeder Wunde, die man beschreibt, aus jedem Schrecken, den man schildert, zu lernen, die Wunde zu heilen und weiterhin an den Menschen zu glauben.

Kommentare sind geschlossen.